Sonntag, 10. Dezember 2017

Graufellchen (5) - 1 Minute für den Frieden

Graufellchen war gerade dabei, seine morgendliche Runde durch die Wohnung zu drehen, als die Schlafzimmertür geöffnet wurde. Schnell flitzte er an der Fußleiste entlang und schon war er in seiner sicheren Höhle verschwunden.
Mit nur einem Auge schaute er nach den beiden Menschen. Er musste schon ein bisschen kichern, als er sie so zerzaust und schlaftrunken sah. Als die beiden aber eine kleine Weile später in der Küche das Frühstück zubereiteten, sahen sie aus wie immer und noch etwas war wie immer: Sie unterhielten sich!
„Du glaubst nicht“, meinte Karl, „was ich heute Nacht geträumt habe.“
„Ist dir das Christkind erschienen?“, frotzelte Gerda.
„Nein, das nicht, aber ähnlich schön. Stell dir vor, ich saß vor dem Fernseher und schaute Nachrichten und weißt du, was dort verkündet wurde? War is over! – Stell dir das doch bitte mal für einen Moment vor: Ein Nachrichtensprecher, der verkündet, dass es keinen Krieg mehr gibt. Weltweit! – Ich sah Menschen, die sich in die Arme fielen, in etwa so wie damals, als die innerdeutsche Grenze fiel. Es war so unfassbar schön, doch leider war es nur ein Traum und wird es vielleicht für lange Zeit bleiben.“
„Sag das nicht, Karl! Auch wenn es so scheint, dürfen wir uns gedanklich nicht an den Krieg klammern, sondern wir sollten uns mit dem Frieden beschäftigen.“
„Wie unachtsam von mir! Du hast natürlich recht. Ich möchte meine Gedanken und meine Energie ja Richtung Frieden lenken und nicht Richtung Krieg. Also sollte ich auch dem Frieden meine ganze Aufmerksamkeit schenken.“
„So ist es, Karl! Es gibt so viele Menschen, die für sich und die Welt den Frieden wünschen, doch sie halten sich für zu unbedeutend und glauben nicht, dass sie etwas für den Frieden tun können.“
Karl nickte zustimmend: „Ja, so geht es sicher vielen, Gerda. Doch was passiert, wenn das jeder denkt und gar nichts tut? Es wird alles so bleiben, wie es ist.“
„Vielleicht fehlt uns einfach der feste Glaube, es tatsächlich schaffen zu können. Solange wir nicht aus tiefstem Herzen davon überzeugt sind, dass es der Menschheit in naher oder ferner Zukunft gelingen wird, Hunger, Armut und Krieg in dieser Welt zu beenden, wird es auch keine Lösung geben. Und wenn niemand etwas tut, ja dann tut sich auch nichts.“
„Aber mal ehrlich, Gerda, was können wir zwei denn an unserem Platz und in unserem fortgeschrittenen Alter für den Frieden tun?“
„Höre ich da so etwas wie Resignation heraus?“
„Vielleicht!“
„Vor gar nicht so langer Zeit las ich etwas, dass sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Und zwar ging es darum, dass weltweit immer mal wieder eine Schweigeminute für Verstorbene eingelegt wird. Wie wäre es denn, wenn jeder, der guten Willens ist, täglich eine Schweigeminute für den Weltfrieden einlegen würde? Natürlich muss dieser Mensch diesen Frieden zunächst ganz tief in sich selbst empfinden und dann in die Welt hinaus schicken. Stell dir das nur einmal vor, Karl, wenn das wirklich jeder gutmütige Mensch auf dieser Welt machen würde. Dann würde sich etwas verändern, denkst du nicht?“
„Einen Versuch wäre es auf jeden Fall wert. Der Einsatz ist gering und wenn wir damit die Welt einen Hauch besser machen können, dann sollten wir uns daran beteiligen. Jeden Tag 1 Minute!“
„Das machen wir, Karl. Wir erinnern uns gegenseitig und wer weiß, vielleicht ist das wie ein kleines Samenkorn, das wir in die Erde legen. Möge es wachsen und gedeihen und Frieden bringen, gerade jetzt in der Weihnachtszeit wünschen wir uns alle doch nichts mehr, als das.“
„Besonders für die Kinder dieser Welt, nicht wahr!“
„Ja, ganz besonders für die Kinder, Karl. Wenn wir möchten, dass die Welt ein friedvollerer Ort wird, müssen wir etwas tun. Jeder an seinem Platz.“
„Das stimmt, meine Liebe, und Sätze wie: ‚Das hat doch alles keinen Sinn’, bringen die Menschheit auf keinen Fall voran.“
„Genau! Das Handeln jedes Einzelnen hat eine Auswirkung für alle und wenn auf der einen Seite Hass, Neid, Habgier, Verachtung und Missgunst gesät werden, müssen auf der anderen Seite Liebe und Verständnis in die Waagschale geworfen werden. Sozusagen als Ausgleich und Gegengewicht. Und da kommt es wirklich auf jeden Einzelnen an. Das glaube ich ganz sicher.“
„Lass uns unseren kleinen Beitrag leisten – und das nicht nur jetzt zur Weihnachtszeit. Mehr können wir wohl leider nicht tun!“
„Nein“, ergänzte Gerda, „mehr können wir wohl nicht tun, aber weniger!“

© Martina Pfannenschmidt, 2017






Donnerstag, 7. Dezember 2017

Graufellchen (4) - Hilfe, oft ein schmaler Grat

Satt und glücklich saß Graufellchen in seiner gemütlichen kleinen Höhle. Inzwischen war er ziemlich sicher, dass er im Paradies gelandet sein musste – oder zumindest in der Vorstufe dessen. Menschen, die es gut mit ihm meinten, die ihr Essen mit ihm teilten, gab es sicher nicht viele auf dieser Welt und ER hatte das Glück, bei solchen Menschen Unterschlupf gefunden zu haben. Eine Steigerung dessen war kaum noch möglich. Für ihn war jeder der letzten Tage wie Heiligabend. Eine ‚Bescherung’ folgte der nächsten.
Es war aber nicht nur das leckere Essen, das Graufellchen glücklich machte, er fand auch die Gespräche der beiden Menschen überaus interessant. So hatte er am Abend zuvor begonnen, einige Dinge, die er gehört hatte, in sein Notizbüchlein zu schreiben. Warum, wusste er noch nicht so recht. Aber man kann ja nie wissen, was noch kommt.
Vorsichtig lugte Graufellchen aus seiner Höhle heraus. Die beiden Menschen saßen in ihren gemütlichen Ohrensesseln und gaben eigenwillige Geräusche von sich. Es klang so ein bisschen, wie rrrrrpüh, rrrrrpüh, rrrrrpüh! Lustig hörte sich das an und irgendwie – Graufellchen reckte sich und gähnte dabei herzhaft – wirkte es einschläfernd.
Als das Mäuschen erwachte, saßen die beiden Menschen bei einer Tasse Kaffee und Gebäck am Tisch und waren wieder einmal in einer Unterhaltung vertieft. In der Hoffnung, nicht allzu viel verpasst zu haben, richtete er seine Aufmerksamkeit auf das Gespräch.
„Ich war immer die Mutter“, erzählte Gerda in diesem Augenblick, „wenn wir als Kinder Familie spielten. Manchmal war ich aber auch eine Ärztin, die ihre Puppe verarzten musste oder den Teddybären, der nur noch ein Auge besaß.“ Dann lachte sie laut auf: „Ich weiß noch, dass ich meine Mutter in den Wahnsinn getrieben habe, weil ich alles mit nach Hause brachte, was in irgendeiner Form Hilfe benötigte: Flugunfähige Vögel, verlassene Babyigel oder ähnliches. Ich hab gar nicht nach ihnen gesucht. Es war fast so, als hätten sie mich gefunden.“
„Dann weiß ich auch, warum du Krankenschwester geworden bist“, meinte Karl.
„Ja, da ist was dran. Ich hab schon immer gerne anderen Menschen und Kreaturen geholfen. Das ist so mein Naturell.“
„Und kein schlechtes“, warf Karl ein und sah seine Frau liebevoll an.
„Dank dir, Karl!“
„Ich denke“, meinte Karl, „dass wir Menschen nicht im Alleingang funktionieren. Bei unseren Steinzeitvorfahren war das noch ganz besonders deutlich und ausgeprägt. Nur wenn es der Gruppe gut ging, ging es allen gut und so achtete man besonders auf den Schwächsten. Man musste dem Kranken helfen, damit nicht die ganze Gruppe erkrankte. Das hatte höchste Priorität. Bestimmt hat noch unser heutiges Verhalten damit zu tun.“
„Möglich! Doch ich denke, manchmal muss man achtsam sein, damit die Hilfe nicht über die eigenen Kräfte hinausgeht.“
„Wie so vieles im Leben ist auch das ein schmaler Grat, meine Liebe. Aber sag selbst: Das Wörtchen Danke ist einfach ein schönes Wort und gebraucht zu werden ist einfach ein tolles Gefühl.“
„Worauf man sicher auch achten muss ist die Tatsache, nicht ausgenutzt zu werden, von Kollegen zum Beispiel, die ihre Arbeit gerne auf einen Menschen abwälzen, der nicht ‚Nein’ sagen kann und selbstverständlich gerne hilft. Aber irgendwann fühlt es sich für den Helfenden nicht mehr gut und richtig an, doch er schafft es nicht, die Bitte auszuschlagen.“
„Oh ja, das kenne ich nur zu gut. Aber noch eine Gefahr besteht, nämlich die, dass man zum Beispiel einen tollen Job im Ausland ausschlägt, weil man ja ‚angeblich’ den Eltern helfen muss. Weißt du, wie ich es meine, Gerda? Dass man das als Grund vorschiebt, jedoch nie wirklich plante, den Job tatsächlich anzunehmen.“
„Ja, ich verstehe, wie du das meinst. Aber es ist halt so, dass unser Verantwortungsgefühl umso größer ist, je näher uns ein Mensch steht. Stell dir vor, einer von uns würde schwer erkranken; dann wäre der andere wie selbstverständlich für den Kranken da. Ich glaube, wir sollten uns versprechen, dass unsere Hilfe nicht auf Kosten der Gesundheit des anderen gehen darf.“
„Das versprechen wir uns und hoffen gleichzeitig, dass dieser Tag niemals kommen mag.“
„Ja, das hoffen wir. Doch wenn es anders kommen sollte, werden wir es auch schaffen. Schau, wir haben uns immer gegenseitig unterstützt und das ist ja nur ein anderes Wort für helfen. Letzten Endes ist aber jeder Mensch für sein eigenes Leben selbst verantwortlich. Und wenn man sich nicht stark genug fühlt, um dem anderen zu helfen, dann ist es nicht egoistisch, sondern vernünftig, auch mal ‚Nein’ zu sagen.“
„Wir werden uns und anderen helfen, solange wir können, nicht wahr. Und dies tun wir nicht für unser Ego, sondern aus tiefstem Herzen.“
Dem war nichts mehr hinzuzufügen.

© Martina Pfannenschmidt, 2017






Sonntag, 3. Dezember 2017

Graufellchen (3) - Apfel, Nuss und Mandelkern

Graufellchen wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Gerda rief:
„Das Essen ist fertig, Karl!“
Daraufhin legte dieser seine Zeitung beiseite, ging zu seiner Frau in die Küche und beide trugen gemeinsam das Essen auf. Im selben Moment zog ein wunderbarer Duft in die kleine Mausehöhle. Hmmm, roch das lecker. Hoffentlich fiel davon eine Kleinigkeit unter den Tisch. Ob sich aber noch einmal die Gelegenheit ergäbe, das Begehrte auch zu holen, das wusste Graufellchen natürlich noch nicht. So blieb ihm im Moment nichts anderes übrig, als das zu tun, was er vorhin schon getan hatte: Zuhören!
„Hast du eigentlich mal wieder etwas von Magda gehört?“, wollte Karl wissen.
„Ja, ich hab sie vor ein paar Tagen beim Einkaufen getroffen. Sie war auf der Suche nach einem passenden Adventskalender für ihren Enkel. Ich muss sagen, wir waren beide sehr erstaunt über die Vielfalt, die in dieser Hinsicht heutzutage herrscht. Wenn ich da an die Adventszeit in früheren Jahren denke; dass lässt sich gar nicht mehr vergleichen. Manchmal finde ich es schon übertrieben, muss ich gestehen. Es gibt ja kaum noch Kalender, die nur  noch Schokolade enthalten. In vielen gibt es täglich ein Spielzeug. Da ist eine Steigerung am Heiligabend ja kaum noch möglich!“
„Sehe ich ähnlich. Aber es gibt ja nicht nur Kalender für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Gefüllt mit Creme, Nagellack und anderen Dingen mehr. Ich hab grad kürzlich in einem Bericht gehört, dass der teuerste Adventskalender der Welt 2,5 Millionen Euro kostet. Er enthält 24 hochkarätige Diamanten. Und für 11.000 Dollar gibt es einen, der mit Whiskey gefüllt ist. Also, der könnte mir auch gefallen.“
„Du scherzt hoffentlich, Karl.“
„Ja, natürlich.“
„Und auch zum Nikolaustag gibt es oft Geschenke, die gar nicht mehr in einen Stiefel hinein passen. Das war zu unserer Zeit ganz anders. Da gab es Nüsse oder Äpfel.“
„Ja, aber nicht nur das. Es gab auch die Androhung von Strafe. Dieses Erziehungsmittel wird heutzutage wohl nicht mehr eingesetzt und wenn, dann in abgeschwächter Form. Es macht doch auch keinen Sinn, wenn ein Mann, der als Barmherziger gilt und Gutes tut, Kinder bestraft.“
„Oh, ich erinnere mich, wie ängstlich ich war, wenn der Gute unser Haus betrat. Meine Stimme zitterte oft vor Angst, wenn ich mein kleines Gedicht aufgesagt habe.“
„Brachte der Nikolaus bei euch auch Geschenke für die Erwachsenen?“
Gerda überlegte: „Das weiß ich gar nicht mehr.“
„Ich kann mich erinnern“, meinte Karl, „dass er den Mägden und Knechten nützliche Dinge brachte. Eine Schürze oder Socken zum Beispiel. Das war dann sozusagen ein Teil ihres mageren Lohnes.“
„Nein, daran erinnere ich mich nicht. Aber an den Begleiter, Knecht Ruprecht, nur zu gut. Er war ja der, der die angekündigte Strafe ausführte. Den Kindern wurde ja nicht nur mit der Rute gedroht, sondern man drohte auch, sie in den mitgebrachten Sack zu stecken und mitzunehmen. Aus heutiger Sicht eine wirklich fragwürdige Erziehungsmethode.“
„Sehr fragwürdig, meine Liebe. Ich glaube, dass es Kinder psychisch ziemlich unter Druck setzt, wenn man ihnen derart droht. Ganz sicher entstehen so arge Ängste.“
„Es wäre ganz bestimmt besser, wenn die Eltern den Kindern vermitteln könnten, dass sie gerade dann hinter ihnen stehen, wenn mal etwas schief läuft und dass sie sie immer lieben, egal, wie sie sich verhalten.“
„Das wäre natürlich der Idealzustand, aber ich fürchte, von dem sind wir ein ganzes Stückchen entfernt.“
Als beide ihren Nachtisch löffelten, fragte Karl: „Sag mal Gerda, was ist das denn da eigentlich für ein kleines Häufchen auf deinem Eßteller?“
„Pssst, nicht so laut. Ich möchte unseren Untermieter überraschen“, flüsterte sie.
Graufellchen hatte es dennoch gehört und spitze seine Ohren noch mehr. Er sah, dass sich die Frau erhob und zu dem großen Schrank ging. Als sie zurück zum Tisch kam, lachte Karl auf: „Das ist nicht dein Ernst, Gerda.“
„Und ob!“, erwiderte sie.
Auf dem Tisch stand ein kleiner Puppenteller. Vorsichtig brachte sie das kleine Häufchen Schinkenspeck, das sie auf ihrem Teller für Graufellchen beiseite geschafft hatte, darauf unter und stellte ihn neben ein Stuhlbein.
„Komm Karl, lass uns in die Küche gehen. Wir müssen noch abwaschen.“ Das sagte Gerda viel lauter, als üblich. Sie wollte einfach sicher gehen, dass das Mäuschen es auch hörte.
Dann verschwanden die beiden Menschen Richtung Küche. Blitzschnell rannte Graufellchen zu der Leckerei, während Gerda sich hinter der Tür verschanzte, die Szene schmunzelnd beobachtete und dachte: „Zur Nacht werde ich ihm ein Schälchen mit Wasser hinstellen.“

Martina Pfannenschmidt, 2017



Freitag, 1. Dezember 2017

Graufellchen (2) - Reden ist Silber, schweigen ist Gold

Starr vor Angst rührte sich Graufellchen keinen Millimeter von der Stelle. Was würde jetzt wohl geschehen? Würden die zwei Menschen sich auf die Suche nach ihm machen? Hatten sie ihn vielleicht schon entdeckt? Bestimmt würde die Frau laut schreien, wenn ihr Mann den Verdacht, den er hatte, aussprach. Das war Graufellchen hinlänglich bekannt. Frauen stießen meistens spitze Schreie aus, wenn sie auf ihn oder seinesgleichen trafen. Das verstand das Mäuschen nicht. Es empfand sich weder als hässlich, noch als aggressiv. Warum nur reagierten viele Menschen derartig auf seine Gattung?
Dieser Frage würde er ein anderes Mal nachgehen. In Anbetracht seiner derzeitigen Situation war es auch völlig gleichgültig. Ihn interessierte nur eines: Würde der Mann ihn aus seinem Versteck jagen, ihm auflauern oder gar eine Mausefalle aufstellen? Allein bei dem Gedanken daran begann Graufellchen zu zittern. Er wollte doch nichts weiter, als ein warmes Plätzchen jetzt im kalten Winter. Er würde doch wirklich niemanden belästigen. Außerdem war er friedliebend und sehr genügsam. Ihm reichten, so wie am Morgen, ein paar Krümel unter dem Tisch.
Nachdem tausend Gedanken durch seinen Kopf gejagt waren, besann er sich. Noch war er nicht entdeckt, da war er sich ziemlich sicher. Er würde sich weiterhin sehr still verhalten und abwarten. Am besten wäre es, wenn er es so hielt, wie am Tag zuvor. Er musste unbedingt wissen, was die Menschen planten. Deshalb hörte er aufmerksam hin. Und was hörte er? Einen Aufschrei! Natürlich! Er hatte es geahnt! Allerdings klang er nicht ängstlich, sondern eher erfreut.
„Oh, nein, Karl, du denkst doch nicht, dass wir ein Mäuschen zu Besuch haben?“
„Doch allerdings, das denke ich.“
„Erinnerst du dich an unsere erste winzige Wohnung?“
„Natürlich, erinnere ich mich und auch an das Mäuschen, das sich bei uns eingemietet hatte. Es war nach einiger Zeit so zutraulich, dass es uns fast aus der Hand fraß.“
„Das war so fantastisch. Wer weiß, vielleicht ist das ein Nachkomme unserer ersten Maus.“
Karl lachte.
„Du kommst auf Ideen, meine Liebe. - Egal, wer bei uns Unterschlupf sucht, wir werden unsere Wohnung mit ihm teilen, nicht wahr, Gerda!“
„Ganz gewiss!“
Das Mäuschen traute seinen Ohren kaum. Sollte es tatsächlich im Paradies gelandet sein? Graufellchen war allerdings nicht auf den Kopf gefallen und so ging ihm durch denselben, dass das durchaus eine taktische Maßnahme der Menschen sein konnte, um ihn in Sicherheit zu wiegen und aus seinem Versteck zu locken. Und dann … wumm … Schläge mit dem Besen. Nein, nein, so dumm war er nicht. Im Moment traute er dem Braten noch nicht. Er würde weiterhin die Augen und Ohren offen halten.
„Nun“, sagte Gerda, „jetzt wo wir die Sache geklärt haben, könnten wir uns daran machen, unser Mittagessen zuzubereiten. Hilfst du mir in der Küche, Karl?“
„Gewiss!“
Mist! Jetzt gingen die beiden in die Küche. Von seinem jetzigen Platz aus konnte Graufellchen sie weder hören, noch sehen. Das gefiel ihm keineswegs. Was sollte er tun? Wenn er noch einmal hinter dem Schrank herlief und auf ganz leisen Sohlen über den Flur, könnte er sich hinter der Tür verstecken und lauschen. Ob er sich das traute? - Seine Neugier war größer, als seine Angst und so traute er sich und lauschte gespannt der Unterhaltung der beiden Menschen.
„Ist es nicht einfach nur schrecklich, dass heute kaum noch jemand wirklich zuhören kann?“, beklagte Gerda.
Karl nickte.
„Hast du mitbekommen, dass wieder einmal über unsere Nachbarn getratscht wurde?“
„Gewiss!“
„Und dann dieses ständige Jammern und Klagen. Es ist oft gar nicht so einfach, sich da heraus zu halten. Aber ich möchte mich einfach nicht in derartiges Gerede hineinziehen lassen. Es tut mir einfach nicht gut, weißt du.“
„Ja, ich weiß. Geht mir ähnlich.“
„Ich kann es oft einfach nicht verhindern, dass ich mich darüber ärgere und weißt du, was dann passiert?“
„Nein!“
„Ich ärgere mich darüber, dass ich mich ärgere.“
Die beiden lachten.
„Manchmal ist es einfach besser zu schweigen, nicht wahr. Kaum jemand geht heutzutage noch achtsam mit Sprache um und kaum jemandem gelingt es, auch mal still zu sein. Ich weiß, dass das gar nicht so einfach ist und ich habe mich auch schon oft gefragt, wie lange ich es wohl in einem Schweigekloster aushalten würde. Stille ist manchmal schwer zu ertragen.“
„Ich denke“, meinte Karl nach einer Zeit des Schweigens, „dass es zunächst einmal wichtig ist, anderen zuzuhören. Danach können wir entscheiden, ob wir sprechen oder schweigen wollen.“
„Ich gebe dir recht. Zuhören ist wichtig. Doch was passiert, wenn uns das Gesagte nicht gefällt? Die Gefahr, dass wir ins Urteilen verfallen, ist in diesen Momenten groß: ‚Der ist aber ganz schön arrogant’ oder ‚Der spinnt doch’ oder ‚Der sollte sich mal an seine eigene Nase fassen’.“
„Wir können oft nicht verhindern, dass diese Gedanken kommen, Gerda. Aber wir können ja versuchen, ihnen keine Beachtung zu schenken.“
„Gar nicht so einfach, Karl!“
„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagt man, nicht wahr?“
„Vielleicht nicht immer, Karl. Manchmal ist es besser, etwas zu sagen, anstatt zu schweigen. Ich denke, dass wir diese Entscheidung immer wieder nach unserem Gefühl fällen sollten.“
Karl schnippelte eine Zwiebel in feine Würfelchen, weshalb ihm die Tränen kamen. Dann meinte er: „Wir Menschen bedenken oft gar nicht, dass wir Worte, die wir ausgesprochen haben, nicht zurückholen können. Gesagt ist gesagt. Und so manches Mal werden wir vorher nicht geprüft haben, ob unsere Worte von Güte geprägt sind, bevor wir sie aussprechen.“ Karl übergab die Zwiebeln an seine Frau: „Kann ich noch mehr für dich tun, meine Liebe?“
„Geh nur“, erwiderte Gerda und ihre Stimme klang unglaublich sanft. „Ich weiß ja, dass du die Zeitung noch lesen möchtest.“
Das war Graufellchens Stichwort. Wie ein Blitz verkroch er sich in seine kleine Höhle, legte sich auf sein gemütliches Bett und sann über das Gehörte nach.


© Martina Pfannenschmidt, 2017

Mittwoch, 29. November 2017

Graufellchen (1) - Zur Untermiete

Allmählich wurde es für Graufellchen Zeit, sich ein warmes Plätzchen für den Winter zu suchen. Stückchen für Stückchen hatte er sich inzwischen in dem Mauerwerk vorgearbeitet. Ein kleiner Spalt in den Fugen genügte, um sich einen Weg, der nach innen und damit ins Warme führte, zu suchen. All sein Hab und Gut trug er in einem kleinen Bündel bei sich.
Nach einer kurzen Verschnaufpause nahm er noch einmal all seine Kraft zusammen und tatsächlich erreichte er nach kurzer Zeit der Anstrengung einen kleinen Hohlraum. Hier gefiel es ihm. Es war wunderbar warm und er würde sich einmal umsehen, wo genau er gelandet war. Mit ganz viel Glück könnte er vielleicht hier den kalten Winter über wohnen.
Der Mäuserich legte seine Sachen beiseite und lugte vorsichtig durch eine kleine Öffnung. Er schaute direkt in einen sehr hellen und gemütlich eingerichteten Raum. Vier Menschenbeine konnte er erkennen, die an einem Esstisch saßen. Auf dem Tisch mussten herrliche Leckereien stehen, denn es duftete ganz wunderbar. Dem Mäuschen knurrte sogleich der Magen. Hoffentlich verriet es sich dadurch nicht.
Von seiner Mutter wusste Graufellchen, dass man als Maus nicht nur vor Katzen auf der Hut sein musste, sondern ganz besonders vor Menschen. Sie waren die größten Feinde der meisten Tiere. Doch man erzählte sich in Mäusekreisen, dass es auch Ausnahmen gäbe. Manche Menschen würden keinem Tier etwas zuleide tun. Ach, wie schön wäre es, hier den Winter über verbringen zu dürfen, ohne Angst vor herzlosen Menschen oder Katzentieren.
Graufellchen spitzte die Ohren. Vielleicht konnte er der Unterhaltung der beiden etwas entnehmen.
„Vorhin habe ich eine interessante Parabel gelesen“, sagte die eine Person, die zu zwei der Menschenbeine gehörte, die Graufellchen von seinem Platz aus sehen konnte.
„Erzähl mir davon, Gerda!“, bat die andere Person, die zu den zwei weiteren Beinen gehörte.
„Vielleicht kennst du sie schon“, meinte die Person, deren Namen Graufellchen jetzt schon kannte.
„Wir werden sehen!“
Gerda begann, von der Parabel zu erzählen: „In einem großen Saal befanden sich tausend Spiegel. Eines Tages schaute ein Hund in diesen Raum hinein und erschrak, als ihn tausend andere Hunde anschauten. Sofort bekam er Angst, sträubte sein Nackenfell, fletschte die Zähne und knurrte.“
An dieser Stelle machte die Frau mit dem schönen Namen Gerda eine Pause und die andere Person mit der tieferen Stimme meinte: „Und plötzlich fletschten all die tausend anderen Hunde ebenfalls ihre Zähne, nicht wahr.“
„Wie recht du hast, Karl, aber warte nur, die Geschichte geht ja noch weiter: Einige Zeit später trat ein anderer Hund in den Saal. Er sah ebenfalls tausend andere Hunde, freute sich über so viele Spielgefährten und wedelte vor lauter Freude mit dem Schwanz.“
„Und tausend andere freundliche Hunde wedelten zurück!“ Die Freude über die Wendung dieser kleinen Geschichte war Karls Stimme anzuhören.
„Ich wurde bei dieser kleinen Erzählung an meinen Vater erinnert“, meinte Gerda, „der zu sagen pflegte: Die Welt ist ein Spiegel deiner selbst.“
„Oh ja, wer in der Welt nur Hass und Verzweiflung sieht und auch sät, der wird genau dem begegnen und wer sich an allem erfreut und lächelnd durch die Welt geht, dem wird sie lauter glückliche und liebevolle Seiten zeigen. Die Welt spiegelt oder reflektiert unsere Gedanken und Taten, nicht wahr, Gerda.“
„Genau so verhält es sich, mein Liebster!“
Graufellchen wurde ganz warm ums Herz. Das mussten wirklich nette Menschen sein, die auf der anderen Seite der Mauer lebten und die so herrlich duftendes Essen zu sich nahmen.
Und schon wieder knurrte sein Bauch. Vorsichtig öffnete er daraufhin sein Bündel. Ein kleines Stückchen trockener Brotkruste kam dabei zum Vorschein. Sie roch zwar nicht so lecker, doch sie würde den Hunger stillen. Morgen müsste er sich in jedem Fall auf die Suche nach etwas Essbarem machen. Ob er hier ein sicheres Zuhause für den Winter gefunden hatte? Es wäre einfach zu schön!
Graufellchen nahm ein kleines Kissen aus dem Bündel, bettete sich darauf und schlief sogleich selig ein.
Als er wieder erwachte, liefen die Beine, die er nun schon kannte, durch den hellen Raum. 
„Lass die Krümel nur unter dem Tisch liegen, Karl. Wir sollten uns besser auf den Weg machen. Es wäre mir nicht recht, wenn wir uns verspäten.“
Karl stellte den Besen zurück, nahm seine Jacke vom Haken und beide verließen die Wohnung.
Sollte die Luft nun tatsächlich rein sein? Vorsichtig setzte Graufellchen einen Fuß in das große Zimmer. Beim Anblick all der Leckereien, die sich unter dem Tisch befanden, vergaß er seine Angst und stürzte sich heißhungrig darauf. So viele leckere Brötchenkrümel und sogar ein winzig kleines Stückchen Käse vernaschte er.
Als er satt war, wurde er immer mutiger. Er sah sich in dem Raum um. Alles deutete darauf hin, dass er bei einem älteren Ehepaar zur Untermiete wohnte: Auf dem Boden standen karierte Filzpantoffeln und auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und eine Zeitung. Daneben zwei Lesebrillen.
Als er einen großen Schrank entdeckte, zwängte er sich zwischen Wand und dem Schrank an der Fußleiste entlang. Auf diese Weise sammelte er all die Wollmäuse ein, die sich dort befanden. Mit seiner kleinen Fellnase stupste er seinen Fund in die winzige Höhle und baute sich daraus ein wunderbar warmes und flauschig weiches Bett.
Gerade in dem Moment, als er sich auf den Weg Richtung Küche machen wollte, wurde die Wohnungstür geöffnet. So schnell es ihm möglich war, huschte er durch das angrenzende Zimmer zurück in seine kleine Höhle, die er gerade noch rechtzeitig und mit klopfendem Herzchen erreichte.
Nach einer Weile fragte die Frau des Hauses: „Karl, hast du vorhin doch noch die Krümel weggefegt?“
„Nein, ich sollte doch nicht!“, erwiderte dieser.
„Das ist aber komisch. Schau, kein einziges Krümelchen liegt mehr dort.“
„Das kann nur eines bedeuten“, meinte Karl und legte eine kleine Pause ein, „wir haben einen Untermieter.“
Graufellchen rutschte bei diesen Worten das Herz in die Hose. War es nach so kurzer Zeit schon vorbei mit der Herrlichkeit? Oder hatte gar sein letztes Stündchen geschlagen?

© Martina Pfannenschmidt, 2017


Freitag, 24. November 2017

Klümpchen für die Seele

In der letzten Zeit erreichte mich sehr oft diese Frage:

Warum hast du deinen Blog gelöscht?

Heute kam mir die Idee, eine kleine Geschichte darüber zu schreiben :-):

Es war einmal ein Bloghaus. Die Besitzerin hatte ihm den Namen ‚Klümpchen für die Seele’ gegeben. – Als diesem Bloghaus an einem Augusttag vor ein paar Jahren Leben eingehaucht wurde, kamen zaghaft erste Besucher, sahen sich um und gingen. – Doch sie kamen zurück, brachten ihrerseits wieder neue Besucher mit und so kam es, dass sich in diesem Bloghaus viele Besucher tummelten.
Viele davon gingen nur still durch all die Räume, andere hinterließen liebe Kommentare. – Dies alles gefiel der Besitzerin und so machte sie sich auf den Weg zu all den Menschen, die in ihrem Bloghaus einen Kommentar hinterlassen hatten und sie überlegte sich neue Themen, um ihr Bloghaus weiterhin attraktiv zu gestalten. Doch eines Tages bemerkte sie: Das nimmt überhand. Es wird mir zu viel. Ich muss die Notbremse ziehen.
Ihre Gedanken gingen in viele Richtungen: Soll sie den Blog einfach ‚stilllegen’, damit all die Dinge, die sich in den Räumen befanden, erhalten blieben? Doch das schien ihr nicht der richtige Weg, da dieses Bloghaus ja ein ‚lebhaftes’ war.
Außerdem ging sie davon aus, dass es zwar den einen oder anderen geben würde, der bemerkt, wenn ihr Bloghaus nicht mehr da wäre, doch dass niemandem ihre Geschichten etc. pp. fehlen würden.
Aber da hatte sie sich ganz gewaltig geirrt. Das bemerkte sie allerdings erst, als es schon zu spät war und das Bloghaus in sich zusammengestürzt war.
Kein Bloghaus mehr – auch kein Platz mehr für neue Geschichten.

Dumm gelaufen!
Und nun?

Die Besucher des alten Bloghauses schrieben entsetzte Mails: Wo ist dein Bloghaus? Wo kann ich jetzt deine Geschichten lesen?
Und die Besitzerin musste antworten: Nicht mehr da und nirgendwo!
Das war einerseits frustrierend für sie, andererseits aber aufbauend. Eine Idee musste her! Und dieser Einfall kam:

Ein neues Bloghaus musste entstehen 
und zwar schnell.

Dem alten sehr ähnlich wurde in zwei Tagen und Nächten einem neuen Bloghaus Leben eingehaucht – und einen Namen erhielt es auch:

Von-Herz-zu-Herz-Geschichten!

Dieses Bloghaus bietet nun die Möglichkeit, alte Geschichten nachzulesen, denn sie sind alle ‚umgezogen’ – und neue Geschichten wissen nun auch, wo ihr Platz ist.

                                                -.-.-.-.-.-.-

Mit dieser kleinen Geschichte bedanke ich mich bei euch von Herzen! Im Traum wäre ich nicht darauf gekommen, dass es solche Wellen schlägt, wenn ich meinen Blog lösche.
Mein neues Bloghaus soll ein ‚stilles’ sein, damit ich nicht ‚auf alte Schienen auffahre’. 
In diesem Blog gibt es keine Kommentarfunktion mehr – es gibt keine offiziellen Follower mehr und keine Leseliste.
Auf Anregung eines Besuchers hin gibt es aber ein Gästebuch und wenn man möchte jederzeit die Möglichkeit, mir über das Kontaktformular etwas zu hinterlassen.
Ich muss sagen, dass es sich ‚richtig gut anfühlt’, zu sehen, dass meine früheren Leser mich so nach und nach wieder finden und auch, wieder ein Bloghaus zu haben!
Danke an all diejenigen, die mir ‚den Kopf gewaschen haben’! – Grins!!! - Natürlich schaue ich auch weiterhin bei euch vorbei - aber auf leisen Sohlen!


Schön, dass ihr (wieder) da seid!


Dienstag, 21. November 2017

Unverhofft

„Oma, kennen wir Töseli?“
Dieser Satz riss Annemarie aus ihren Gedanken.
„Nein, Töseli kenne ich nicht“, antwortete sie ihrer Enkeltochter schmunzelnd.
„Na gut!“
Lena saß am Küchentisch und erledigte ihre Hausaufgaben. Sie musste die Wörter ankreuzen, die sie kennt. Töseli kannte sie nicht. Wenn Oma das Wort auch nicht kannte, handelte es sich offensichtlich um ein erfundenes Wort, das sie nicht ankreuzen durfte.
Annemarie dachte an ihre eigene Schulzeit zurück. Auch wenn sich die Bücher und die Art des Lernens verändert hatten, so gilt es bis heute, den Kindern in der Grundschule das Rechnen und Schreiben beizubringen. Heute geht das im Gegensatz zu früher viel mehr über Bilder. Was sich noch sehr verändert hat, ist der Umgang mit den Lehrern. Nur sehr wenige sind noch eine Respektsperson für die Kinder. Bestenfalls macht den Schülern dadurch das Lernen mehr Freude und sie gehen angstfreier zur Schule.
Wie so oft, so flogen auch in diesem Moment Annemaries Gedanken zu ihrem Bruder, mit dem sie viele Jahre gemeinsam den Weg zur Schule gegangen war. Nun lag es aber bereits Jahrzehnte zurück, seit sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er war damals nach einem Streit mit ihrem Vater gegangen und niemals zurückgekehrt.
Zu Anfang war sie stinksauer auf ihn gewesen. Annemarie wusste noch, dass sie sich immer ausgemalt hatte, dass er plötzlich wieder auftauchen würde. „Entweder falle ich ihm dann um den Hals, oder ich vermöbele ihn.“ So hatte sie sich einmal gegenüber ihrer besten Freundin Inge geäußert, die natürlich wusste, dass das nicht ernst zu nehmen war. 
Wie gut, dass es sie gegeben hatte und immer noch gab. Mit ihr sprach Annemarie viel über ihren Bruder und konnte so den tiefen Schmerz verarbeiten. Zumindest dachte sie das. In letzter Zeit war sie sich da nicht mehr ganz so sicher, denn ihre Gedanken gingen sehr oft zu ihm.
Was wohl aus ihm geworden war? Wie er jetzt wohl aussah? Ob er eine Familie gegründet hatte? So viele Fragen, die ihr niemand beantworten konnte. Schon so oft hatte sie versucht, seine Adresse über das Internet ausfindig zu machen, doch bisher leider ohne Erfolg. Vielleicht lebte ihr Bruder ja auch im Ausland. Er hatte immer den Traum gehabt, einmal nach Amerika zu reisen: „Und dich nehme ich mit!“, hatte er oft gesagt, wenn der Vater wieder einmal betrunken gewesen war und sie sich zusammen ins Bett verkrochen hatten, um seiner Aggression zu entgehen. Leider hatte ihr Bruder sein Versprechen nicht gehalten und sie zurück gelassen.
„Fertig!“, verkündete Lena, „darf ich vor dem Mittagessen noch ein bisschen nach draußen?“
Annemarie nickte und wünschte sich, dass das vor Lebensfreude sprühende Kind es schaffte, ihre trüben Gedanken fortzuschicken.
Sie schaute Lena und Tobi, dem Jungen, der ein Haus weiter wohnte, eine Weile beim Radfahren zu. Und schon wieder passierte es. Annemarie war gedanklich bei ihrem Bruder, mit dem sie einmal in einer selbst gebauten Seifenkiste die Straße hinunter gesaust war. Doch dann hatte sich die Kiste gedreht und sie wurden aus ihren Sitzen geschleudert. Schlimme Schürfwunden waren das Ergebnis gewesen und später noch Schläge vom Vater. Annemarie versuchte, den dicken Kloß, der sich bei diesen Erinnerungen in ihrem Hals bildete, herunter zu schlucken, doch so recht wollte ihr das nicht gelingen.
Im selben Moment begann es vor ihr zu zischen. Verflixt noch mal. Sie hatte Milch auf die Herdplatte gestellt, um für sich und ihr Enkelkind Milchreis zu machen. Jetzt kochte die Milch über und gab beim Aufkommen auf die heiße Herdplatte wütende Geräusche von sich. Annemarie riss den Topf von der Platte. Dass sie dazu besser Topflappen benutzt hätte, wusste sie im selben Moment. Mist, der Topf war ziemlich heiß. Außerdem schwappte dabei noch ein größerer Schwall Milch über den Topfrand und brannte sich stinkend in die Herdplatte ein. Gott sei Dank hatte sie sich bei dieser Aktion keine größeren Verbrennungen zugezogen. Dennoch schimpfte sie über sich und ihre eigene Dummheit wie ein Rohrspatz. Völlig unpassend klingelte in diesem Augenblick das Telefon.
„Ja, Hallo!“, meldete sie sich knapp.
„Hallo, meine Liebe, Inge hier! Du, ich habe gerade mit Margot telefoniert und nun rate mal, was sie Neues wusste?“
„Inge, wie soll ich das wissen und du, im Moment passt es leider grad gar nicht. Mir ist die Milch über gekocht. Ich ruf dich nachher zurück, ja.“
„Nee, lass man. Ich muss auch gleich weg. Nur ganz kurz. Die Margot wusste ….“.
„Inge, jetzt nicht. Erzähl es mir bitte später!“
Abrupt beendete Annemarie das Gespräch, was ihr sogleich leid tat. Das hatte Inge nicht verdient, aber nun war es so. Annemarie würde ihr später alles erklären und sich für ihr Verhalten entschuldigen.
Gerade als sie die Bescherung auf dem Herd beseitigen wollte, erschien ihre Enkeltochter am Küchenfenster: „Oma, ist der Milchreis schon fertig? Ich bekomme jetzt doch ein bisschen Hunger.“
„Leider nicht, mein Schatz. Schau, mir ist die Milch über gekocht. Ich muss den Schaden jetzt zuerst etwas beheben und dann starte ich einen neuen Versuch. Ich mache, so schnell ich kann, versprochen!“, rief sie Lena zu.
"Okay!"
Jetzt klingelte es auch noch an der Haustür. Verflixt, wer konnte das nun wieder sein. Bestimmt der Postbote. Annemarie ging schnellen Schrittes Richtung Haustür. Davor stand jedoch nicht der erwartete Postbote, sondern eine Frau mit langen blonden Haaren. Irgendwie kam sie Annemarie bekannt vor, doch der Groschen wollte nicht sogleich fallen.
„Entschuldigen Sie bitte meinen Überfall!“, meinte die Frau freundlich, „sind sie Annemarie Burmeister?“
„Das ist mein Mädchenname“, erwiderte Annemarie und entdeckte einen Mann mit einer Kamera auf der Schulter, der etwas abseits stand und offensichtlich die Szene an der Haustür filmte.
„Sie haben doch einen Bruder, der Edgar heißt, nicht wahr.“
Annemarie schaute die Frau mit großen Augen an. Dann nickte sie.
„Er würde sehr gerne mit Ihnen in Kontakt treten und hat mich beauftragt, Ihnen eine Videobotschaft zu überbringen. Darf ich vielleicht herein kommen?“

© Martina Pfannenschmidt, 2017